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KLANG
PUNKTE
Jack Bruce: Format alter Blues-Barden
Um ein Haar hätten wir ihn verloren: Jack Bruce, dem mittlerweile
60-jährigen Gratwanderer zwischen Rock, Jazz und Blues, ging es ganz
schlecht. Lebertransplantation. Den Genesungsprozess begleitet ein
neues Studioalbum, "More Jack Than God" (Sanctuary). Alle
Qualitäten, für die der legendäre Bassist und Sänger mit der
unverwechselbaren Stimme berühmt ist, kommen hier zum Tragen: Es
hätte der - ohnehin nur wenig von "Cream"-Originalen abweichenden -
Neuaufnahmen von Jacks bekanntesten Songs "I Feel Free",
"Politician" und "We're Going Wrong" nicht bedurft. Im übrigen:
Zeitlose Qualität. Die einstigen Youngsters haben jetzt das Format
der alten Blues-Barden erreicht. Res
Populärer Mozart, frisch gelesen
"The English Concert" ist seit 1973 mit dem Namen seines Gründers
Trevor Pinnock verbunden. Im Sommer 2003 übergab Pinnock die Leitung
des englischen Originalklang-Kammerorchesters an den Geiger Andrew
Manze, der sich nun in dieser Funktion auf dem CD-Markt mit
"Nacht-Musiken" von Mozart populär, griffig und doch wohl überlegt
einführt (harmonia mundi). Ob "Kleine Nachtmusik" oder
"Musikalischer Spaß", Serenata notturna oder der expressive Ernst
von Adagio und Fuge, KV 546: Man merkt die Frische, mit der Mozart
auch in den bekanntesten Wendungen zur Sprache gebracht wird. Kein
Hauch von Wunschkonzert-Romantik, dafür viel pointierte
Musizier-Lust. Und dazu ein kluger, umfassender Booklet-Text. hb
Sexy Frischobst aus Mozartstadt
Sexy ist Pflicht. Jedenfalls, wenn's raus gehen soll auf die
Fläche der gepflegten, aber hippen Tanzunterhaltung. Dorthin zielen
fünf Salzburger namens Wishmop. Sie tun es mit sorgfältigen Samples
und fein ausgetüftelter Electronic. Die Wahrheit aber liegt nicht im
Laptop, sondern auf dem Platz, also in der Livehaftigkeit des
Ereignisses. Darum kommt der Rhythmus nicht als welkender Datensalat
daher, sondern als händisch gepflücktes Frischobst. Bass und
Schlagzeug schmecken wie funky Gustostückerl aus den 70er Jahren.
"Lesen" heißt das Album (goldextra 005/www.wishmop.com). Das
Aufgelesene wird zu einer edlen Tanzmischung, die nur ein Prädikat
verdient: Besonders funky. Wertvoll sexy. bef
Kostbare Erinnerung an Händel
Das Label Erato nimmt Abschied vom Markt und hinterlässt noch ein
wundervolles Geschenk: die Produktion von Händels vorletztem
Oratorium, "Theodora", mit dem William Christie mit seinem Ensemble
"Les Arts Florissants" im Jahr 2000 auf Tour war. Unter anderem auch
bei "Pfingsten Barock". Das dreistündige Werk enthält einiges vom
Feinsten, das Händel je geschrieben hat und das findet auf den 3 CDs
den angemessenen Nachklang. Die Aufnahmetechnik zeichnet ein
kristallklares Bild des spannungsgeladenen, gleichwohl von höchster
Sensibilität erfülltem Musizierstils, mit dem Christie und seine
Musiker Händels Wechselspiel der Emotionen so plastisch ausleuchten.
mo
Volksheld der Musik
Caetano Veloso, der Sänger, Komponist und Gitarrist, machte
bereits in den späten 60er Jahren von sich reden. Heute ist der
61-jährige einer der Volkshelden Brasiliens. Die exzellente
"Antologia 67/03" (Universal) bietet mit 34 Songs aus rund 20
verschiedenen Alben einen profunden Querschnitt durch sein
künstlerisches Werk. Mit dabei Klassiker wie "O estrangeiro", "O
leaozinho" oder "Um canto de afoxe". Seine Stimme ist oft
schmeichelweich wie Seide. Vor allem, wenn er von der Liebe oder
anderen Herzensdingen singt. Anspieltipp: "Tonada de luna llena"!!!
Die Anthologie enthält auch einige Raritäten. Bemerkenswert: die
Bossa-Version von Michael Jacksons "Billie Jean". awi
This is not America: Carla Bley
Die politischen Repräsentanten der USA machen es ihren Künstlern
nicht einfach. Die amerikanische Pianistin und Komponistin Carla
Bley reagiert auf patriotische Aufrufe in Kriegszeiten nicht
agitatorisch, sondern sensibel. Das Album "Looking for Amerika"
(WATT/ Lotus) darf als Suche einer Big Band nach einer "anderen"
Seite ihrer Heimat verstanden werden. Gefunden - und gehörig
durcheinandergewirbelt - wird etwa das "Old MacDonald Had A Farm".
Was bei David Bowie "This is not America" hieß, heißt bei Carla Bley
"The National Anthem". Diese Suite für Big Band kreist um Symbole
nordamerikanischer Identität. Und Saxophonist Wolfgang Puschnig aus
Österreich kreist mit. wg
Martha Argerich und ihr Locarno-Festival
In Locarno haben sich 2002 zum ersten Mal Martha Argerich und
ihre musikalischen Freunde getroffen, um gemeinsam Musik zu machen.
Die Botschaft hörten viele begeistert. Jetzt dokumentieren drei CDs
(EMI) in signifikanten Ausschnitten, wie hier Musik zu erleben
gewesen sein muss. Die unvergleichliche "Klavier-Tigerin" gibt, wo
sie mitwirkt (Beethovens Klarinettentrio, Mendelssohns Klaviertrio,
Brahms' Sonate für zwei Klaviere), der Musik die Sporen:
spielwitzig, energisch, mit Drive und doch jederzeit mit einer Tiefe
der Empfindung sondergleichen. Herrlich, wie Renaud (Geige) und
Gautier (Cello) Capucon diese Impulse aufnehmen, und auch Lilya
Zilberstein (Klavier) bietet sauber Paroli. Das Wichtigste: Musik,
hier lebt sie! hb
Gitarren am Strand von Lima
Als der Pop noch Zukunft hatte, weil nicht schon alles da war,
trafen sich in Lima vier Männer zum Musizieren. Ihre Vorlieben
reichten von Burt Bacharach über französische Chansons und frühen
Soul bis zur britischen Popherrschaft jener Tage. Die essentiellen
Aufnahmen dieser vier, die sich Los Belkings nannten, gibt's nun
unter dem Titel "Instrumental Waves 1960 bis 1973" (Nuevo/Lotus
Rec.). Zu hören ist, was die Popwelt damals ausmachte und nachhaltig
veränderte: Hawaiianisches Meeresrauschen,
Beach-Boys-Surfer-Fröhlichkeit, gestampfter Soul a` la Booker T.
& The MGs. Vor allem aber eine perfekte Gitarrenarbeit zwischen
verspielter Extravaganz und Soli für Erwachsene ist zu hören. bef
Harnoncourts prächtige Schöpfung
Nikolaus Harnoncourt ist ein treuer Mensch. Trotz seiner Karriere
als Dirigenten-Star hat er sein Ur-Ensemble, den Wiener "Concentus
Musicus" und dessen Spiel auf alten Instrumenten, nie
vernachlässigt. Soeben ist bei BMG-Deutsche Harmonia mundi die
Aufnahme jener Musikvereins-Aufführung von Haydns "Schöpfung"
erschienen, mit welcher im März 2003 der Concentus sein
50-Jahre-Jubiläum feierte. Zusammen mit dem Arnold Schönberg Chor
und den Solisten Röschmann, Schade und Gerhaher ist das ein
Musizieren, das die über die Jahrzehnte entwickelten
Harnoncourt-Concentus-Tugenden in ihrer schönsten und lebendigsten
Form auf dem aktuellen Stand der Technik ausbreitet. mo
Zerbrechliche Illusionen
Mit "Two Banks Of Four", einem 1998 ins Leben gerufenen Projekt,
präsentiert Rob Gallagher, der einstige "Galliano"-Chef, ein Album,
bei dem Mut und Kreativität noch eine wesentliche Rolle spielen.
"Three Streets World" (Red Egyptian Jazz/Soulseduction) ist feinster
Modern Jazz: harmonisch, verspielt und doch nie oberflächlich.
Gallagher, zuletzt auch als Earl Zinger tätig, öffnet mit seinen
Mitstreitern gleichsam ein Schatzkästchen nach dem anderen.
Sensationell: "Unclaimed". In diesem Kommentar zum 11. September
singt Valerie Etienne mit überirdischer Stimme über die
Zerbrechlichkeit der Alltagsillusion. Weitere Anspieltipps: "Two
miles bevor dawn", "Blues for brother". awi
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