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Jack Bruce: Format alter Blues-Barden
13.12.2003

KLANG

PUNKTE

Jack Bruce: Format alter Blues-Barden

Um ein Haar hätten wir ihn verloren: Jack Bruce, dem mittlerweile 60-jährigen Gratwanderer zwischen Rock, Jazz und Blues, ging es ganz schlecht. Lebertransplantation. Den Genesungsprozess begleitet ein neues Studioalbum, "More Jack Than God" (Sanctuary). Alle Qualitäten, für die der legendäre Bassist und Sänger mit der unverwechselbaren Stimme berühmt ist, kommen hier zum Tragen: Es hätte der - ohnehin nur wenig von "Cream"-Originalen abweichenden - Neuaufnahmen von Jacks bekanntesten Songs "I Feel Free", "Politician" und "We're Going Wrong" nicht bedurft. Im übrigen: Zeitlose Qualität. Die einstigen Youngsters haben jetzt das Format der alten Blues-Barden erreicht. Res

Populärer Mozart, frisch gelesen

"The English Concert" ist seit 1973 mit dem Namen seines Gründers Trevor Pinnock verbunden. Im Sommer 2003 übergab Pinnock die Leitung des englischen Originalklang-Kammerorchesters an den Geiger Andrew Manze, der sich nun in dieser Funktion auf dem CD-Markt mit "Nacht-Musiken" von Mozart populär, griffig und doch wohl überlegt einführt (harmonia mundi). Ob "Kleine Nachtmusik" oder "Musikalischer Spaß", Serenata notturna oder der expressive Ernst von Adagio und Fuge, KV 546: Man merkt die Frische, mit der Mozart auch in den bekanntesten Wendungen zur Sprache gebracht wird. Kein Hauch von Wunschkonzert-Romantik, dafür viel pointierte Musizier-Lust. Und dazu ein kluger, umfassender Booklet-Text. hb

Sexy Frischobst aus Mozartstadt

Sexy ist Pflicht. Jedenfalls, wenn's raus gehen soll auf die Fläche der gepflegten, aber hippen Tanzunterhaltung. Dorthin zielen fünf Salzburger namens Wishmop. Sie tun es mit sorgfältigen Samples und fein ausgetüftelter Electronic. Die Wahrheit aber liegt nicht im Laptop, sondern auf dem Platz, also in der Livehaftigkeit des Ereignisses. Darum kommt der Rhythmus nicht als welkender Datensalat daher, sondern als händisch gepflücktes Frischobst. Bass und Schlagzeug schmecken wie funky Gustostückerl aus den 70er Jahren. "Lesen" heißt das Album (goldextra 005/www.wishmop.com). Das Aufgelesene wird zu einer edlen Tanzmischung, die nur ein Prädikat verdient: Besonders funky. Wertvoll sexy. bef

Kostbare Erinnerung an Händel

Das Label Erato nimmt Abschied vom Markt und hinterlässt noch ein wundervolles Geschenk: die Produktion von Händels vorletztem Oratorium, "Theodora", mit dem William Christie mit seinem Ensemble "Les Arts Florissants" im Jahr 2000 auf Tour war. Unter anderem auch bei "Pfingsten Barock". Das dreistündige Werk enthält einiges vom Feinsten, das Händel je geschrieben hat und das findet auf den 3 CDs den angemessenen Nachklang. Die Aufnahmetechnik zeichnet ein kristallklares Bild des spannungsgeladenen, gleichwohl von höchster Sensibilität erfülltem Musizierstils, mit dem Christie und seine Musiker Händels Wechselspiel der Emotionen so plastisch ausleuchten. mo

Volksheld der Musik

Caetano Veloso, der Sänger, Komponist und Gitarrist, machte bereits in den späten 60er Jahren von sich reden. Heute ist der 61-jährige einer der Volkshelden Brasiliens. Die exzellente "Antologia 67/03" (Universal) bietet mit 34 Songs aus rund 20 verschiedenen Alben einen profunden Querschnitt durch sein künstlerisches Werk. Mit dabei Klassiker wie "O estrangeiro", "O leaozinho" oder "Um canto de afoxe". Seine Stimme ist oft schmeichelweich wie Seide. Vor allem, wenn er von der Liebe oder anderen Herzensdingen singt. Anspieltipp: "Tonada de luna llena"!!! Die Anthologie enthält auch einige Raritäten. Bemerkenswert: die Bossa-Version von Michael Jacksons "Billie Jean". awi

This is not America: Carla Bley

Die politischen Repräsentanten der USA machen es ihren Künstlern nicht einfach. Die amerikanische Pianistin und Komponistin Carla Bley reagiert auf patriotische Aufrufe in Kriegszeiten nicht agitatorisch, sondern sensibel. Das Album "Looking for Amerika" (WATT/ Lotus) darf als Suche einer Big Band nach einer "anderen" Seite ihrer Heimat verstanden werden. Gefunden - und gehörig durcheinandergewirbelt - wird etwa das "Old MacDonald Had A Farm". Was bei David Bowie "This is not America" hieß, heißt bei Carla Bley "The National Anthem". Diese Suite für Big Band kreist um Symbole nordamerikanischer Identität. Und Saxophonist Wolfgang Puschnig aus Österreich kreist mit. wg

Martha Argerich und ihr Locarno-Festival

In Locarno haben sich 2002 zum ersten Mal Martha Argerich und ihre musikalischen Freunde getroffen, um gemeinsam Musik zu machen. Die Botschaft hörten viele begeistert. Jetzt dokumentieren drei CDs (EMI) in signifikanten Ausschnitten, wie hier Musik zu erleben gewesen sein muss. Die unvergleichliche "Klavier-Tigerin" gibt, wo sie mitwirkt (Beethovens Klarinettentrio, Mendelssohns Klaviertrio, Brahms' Sonate für zwei Klaviere), der Musik die Sporen: spielwitzig, energisch, mit Drive und doch jederzeit mit einer Tiefe der Empfindung sondergleichen. Herrlich, wie Renaud (Geige) und Gautier (Cello) Capucon diese Impulse aufnehmen, und auch Lilya Zilberstein (Klavier) bietet sauber Paroli. Das Wichtigste: Musik, hier lebt sie! hb

Gitarren am Strand von Lima

Als der Pop noch Zukunft hatte, weil nicht schon alles da war, trafen sich in Lima vier Männer zum Musizieren. Ihre Vorlieben reichten von Burt Bacharach über französische Chansons und frühen Soul bis zur britischen Popherrschaft jener Tage. Die essentiellen Aufnahmen dieser vier, die sich Los Belkings nannten, gibt's nun unter dem Titel "Instrumental Waves 1960 bis 1973" (Nuevo/Lotus Rec.). Zu hören ist, was die Popwelt damals ausmachte und nachhaltig veränderte: Hawaiianisches Meeresrauschen, Beach-Boys-Surfer-Fröhlichkeit, gestampfter Soul a` la Booker T. & The MGs. Vor allem aber eine perfekte Gitarrenarbeit zwischen verspielter Extravaganz und Soli für Erwachsene ist zu hören. bef

Harnoncourts prächtige Schöpfung

Nikolaus Harnoncourt ist ein treuer Mensch. Trotz seiner Karriere als Dirigenten-Star hat er sein Ur-Ensemble, den Wiener "Concentus Musicus" und dessen Spiel auf alten Instrumenten, nie vernachlässigt. Soeben ist bei BMG-Deutsche Harmonia mundi die Aufnahme jener Musikvereins-Aufführung von Haydns "Schöpfung" erschienen, mit welcher im März 2003 der Concentus sein 50-Jahre-Jubiläum feierte. Zusammen mit dem Arnold Schönberg Chor und den Solisten Röschmann, Schade und Gerhaher ist das ein Musizieren, das die über die Jahrzehnte entwickelten Harnoncourt-Concentus-Tugenden in ihrer schönsten und lebendigsten Form auf dem aktuellen Stand der Technik ausbreitet. mo

Zerbrechliche Illusionen

Mit "Two Banks Of Four", einem 1998 ins Leben gerufenen Projekt, präsentiert Rob Gallagher, der einstige "Galliano"-Chef, ein Album, bei dem Mut und Kreativität noch eine wesentliche Rolle spielen. "Three Streets World" (Red Egyptian Jazz/Soulseduction) ist feinster Modern Jazz: harmonisch, verspielt und doch nie oberflächlich. Gallagher, zuletzt auch als Earl Zinger tätig, öffnet mit seinen Mitstreitern gleichsam ein Schatzkästchen nach dem anderen. Sensationell: "Unclaimed". In diesem Kommentar zum 11. September singt Valerie Etienne mit überirdischer Stimme über die Zerbrechlichkeit der Alltagsillusion. Weitere Anspieltipps: "Two miles bevor dawn", "Blues for brother". awi



© SN



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